{"id":244,"date":"2011-11-12T12:53:39","date_gmt":"2011-11-12T11:53:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.warndtdom.de\/?page_id=244"},"modified":"2011-11-12T12:53:39","modified_gmt":"2011-11-12T11:53:39","slug":"die-neue-kirche","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/warndtdom.de\/?page_id=244","title":{"rendered":"Die neue Kirche"},"content":{"rendered":"<p>Das von der Gr\u00f6\u00dfe wie auch von seiner ornamentalen Ausstattung her imposante Bauwerk ist neuromanischen Stils, d.h. die Bauformen wurden denen mittelalterlicher Sakralbauten aus der Zeit der Romantik (ca. 1000 &#8211; 1250) entliehen. Solche Stilimitationen gab es haupts\u00e4chlich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, teilweise wurden sie auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommen. Der Grund f\u00fcr diese Stilanleihen mag eine gewisse allgemeine Orientierungslosigkeit &#8211; auch in k\u00fcnstlerischer Hinsicht &#8211; gewesen sein, die dann durch ein entsprechendes Imponiergehabe ausgeglichen wurde. Dies gilt, landauf landab, mehr oder weniger, f\u00fcr alle Bauwerke aus dieser Zeit. Dabei hat sich der Historismus, wie man diesen Zeitabschnitt in der Kunstgeschichte nennt, nicht immer genau an seine Vorbilder gehalten. M\u00f6glicherweise war es doch ungen\u00fcgend, ein letztlich unzeitgem\u00e4\u00dfes Formenrepertoire g\u00e4nzlich unver\u00e4ndert zu \u00fcbernehmen. Die Frage ist nur, ob die Abweichungen von tradierten Stilmustern hier stets begr\u00fcndbar sind.<\/p>\n<p>Die Westseite der Kirche, nicht mit der Himmelsrichtung \u00fcbereinstimmend, auch Westwerk genannt, wirkt \u00fcberaus m\u00e4chtig, ja sogar wehrhaft, was zur\u00fcckzuf\u00fchren ist auf die Geschlossenheit der Fassade, die nur geringf\u00fcgig gegliederten Geschosse und die kleinen Fenster. Dar\u00fcber erhebt sich ein breiter Glockenturm, dessen Wuchtigkeit durch offene S\u00e4ulenstellungen im oberen Teil etwas gemindert wird. Flankiert von kleinen Seitent\u00fcrmen, endet dieser mittlere Westturm in einem polygonalen Turmhelm. Der in seitlichen Abtreppungen aufsteigenden Fassade ist eine halbrunde Apsis vorangestellt. Ihre Lage ist wie die der T\u00fcrme und der seitlichen Portale von der Achsialsymmetrie bestimmt. Dieses Ordnungsschema der Fassadengliederung verst\u00e4rkt zus\u00e4tzlich den Eindruck des Strengen wie auch des Feierlichen. Das Gescho\u00df unterhalb des Glockenturms ist durch beidseitig vorgestellte S\u00e4ulen in Dreiergruppierung aufgelockert. Dar\u00fcber ist eine Kreuzigungsgruppe angebracht. Den wehrhaften Charakter dieses Westteils der Kirche unterstreichen einzelne bossierte Quader, die \u00fcber die ganze Fassade verteilt sind. Die rundbogigen Portale sind \u00fcber dem Architrav eingefasst von Rundbogenfriesen und haben kanellierte Pilaster zu den Seiten. Im Gew\u00e4nde wechseln geometrische und vegetabile Ornamentik einander ab. Die im oberen Teil der Apsis vorgestellten S\u00e4ulen wiederholen sich in abgewandelter Form bei den kleinen Flankent\u00fcrmen, wo sie jedoch, deren Schlankheit betonend, von ganz unten bis zum Ansatz des Turmhelms aufsteigen und damit zugleich die Massigkeit des mittleren Turmes hervorheben. Das unterste Gescho\u00df ist durch ein st\u00e4rker vorragendes Gesims mit Konsolen in Kopfform von den nachfolgenden deutlich abgehoben. Dieser Absatz zieht sich um den ganzen Bau herum. Ohne die Darstellungen der K\u00f6pfe einzeln zu deuten, scheint es sich hier haupts\u00e4chlich um die Wiedergabe profanhistorischer Pers\u00f6nlichkeiten zu handeln, womit der Vergangenheit abermals, wenn auch im nicht-religi\u00f6sen Bereich, eine Reverenz erwiesen wird. Bezeichnend f\u00fcr die Romanik und die sie nachahmende Lauterbacher Kirche sind deutliche formale Kontraste, etwa zwischen der Betonung der Waagrechten durch die Gesimse und der aufsteigenden Tendenz der Gesamtfassade bzw. der T\u00fcrme. Gleicherma\u00dfen kontrastieren die halbrunde Apsis mit der sonst ebenen Fassade und die schlanken Flankent\u00fcrme mit dem m\u00e4chtigen Glockenturm.<\/p>\n<p>Das basilikale Schema &#8211; niedriges Seitenschiff, erh\u00f6htes Mittelschiff &#8211; wurde, wie in der Romanik \u00fcblich, auch bei dieser Kirche beachtet. Allerdings verr\u00e4t der Au\u00dfenbau nichts von dieser Raumauffassung. Denn das Satteldach des L\u00e4ngsschiffs ist \u00fcber die Seitenschiffe hinweg bis zu den Au\u00dfenmauern herabgezogen anstatt nur bis zur Mittelschiffshochwand zwischen dem Satteldach des Mittelschiffs und dem Pultdach des Seitenschiffs &#8211; sind hier nur Dachgaupen angebracht. Diese, romanischen Baugewohnheiten widersprechende Gestaltung, stimmt andererseits mit den Baupraktiken des Historismus durchaus \u00fcberein. Dort ist n\u00e4mlich der Widerspruch zwischen Au\u00dfenbau und Innenraumgestaltung die Regel.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem basilikalen Schema wird die doppelchorige Anlage unserer Kirche, erkennbar an der halbrunden Apsis zwischen den beiden Eingangsportalen, nicht verhehlt. Nur ist hier die Konsequenz in der \u00dcbernahme romanischer Bauweise nicht recht verst\u00e4ndlich, wenn wir n\u00e4mlich an den Zweck solch doppelchoriger Anlagen im Mittelalter denken. Der Altarraum im Westen war n\u00e4mlich dem Kaiser zugedacht. Ihm wurde hier und nicht im Ostchor der Gottesdienst zelebriert. Au\u00dferdem diente der Westchor f\u00fcr sog. Sendgerichte, d.h. hier wurde im Namen des Kaisers, also der weltlichen Macht, rechtgesprochen. Schlie\u00dflich war der Altarraum im Westen auch noch den Taufakten vorbehalten. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Dualismus des romanischen Kirchenbaus &#8211; ein Altarraum im Westen und einer im Osten der Kirche &#8211; liegen zum einen in der polotischen Konstellation von Kaisertum und Papsttum, zum anderen an der Besonderheit mittelalterlicher Glaubensauffassung. Danach hatte das Westwerk mit seinem eigenen Chor Schutzfunktion gegen\u00fcber den M\u00e4chten des B\u00f6sen. Dies erkl\u00e4rt dann auch sein wehrhaftes Aussehen. Im Sinne einer Lichtsymbolik wurde n\u00e4mlich den Himmelsrichtungen Osten und Westen bestimmte Zeichenfunktionen zugeordnet. Infolge des Sonnenaufgangs im Osten wurde dort das Heil, im Westen dagegen, wo die Sonne untergeht, wurden die M\u00e4chte der Finsternis und des B\u00f6sen gesehen. Somit hat man die Sendgerichte im Westteil der Kirche abgehalten, wobei, der Taufe vergleichbar, das Gute vom B\u00f6sen geschieden wird. Politisch gesehen, war das Mittelalter wesentlich gepr\u00e4gt von den Machtk\u00e4mpfen zwischen Papsttum und Kaisertum. Diese Auseinandersetzung gipfelte dann in dem sog. Investiturstreit. In den doppelchorigen Anlagen der romaischen Kirchen erhielt dieser Gegensatz von weltlicher und geistlicher Macht dann seinen sichtbaren Ausdruck. Wenn wir diese Bedeutung des Westwerks und der doppelchorigen Anlage unserer Lauterbacher Kirche bedenken, f\u00e4llt es schwer, den Sinn einer solchen Bauweise f\u00fcr unsere Zeit einzusehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als dieses Bauwerk entstand, waren weder die Lichtsymbolik und die damit verbundene dualistische Glaubensauffassung aktuell noch gab es einen Machtkampf zwischen Kaiser und Papst. Somit hatte der Westchor, allenfalls noch als Taufkirche, seine Berechtigung. Wir kommen nicht umhin, eine gewisse Sinnentleerung bez\u00fcglich der Bedeutung von Bauformen und ihre Herabw\u00fcrdigung zu nichtssagenden Schmuckformen festzustellen. Diese Entwicklung wurde gewi\u00df vom Historismus eingeleitet, sie ist aber bis auf den heutigen Tag noch nicht abgeschlossen. Schon daran erkennbar, dass die Allgemeinheit in den Kirchenbauten der Vergangenheit mehr oder weniger gelungene Schmuckk\u00e4stchen sieht. Nach den Sinnbez\u00fcgen der Bauformen wird erst gar nicht gefragt.<\/p>\n<p>Der Beschreibung des Au\u00dfenbaus ist noch hinzuzuf\u00fcgen, dass zum Ostteil der Kirche hin das breite aber nicht weitausgreifende Querschiff liegt, an das sich auf der einen Seite eine halbrunde Apsis und auf der anderen ein gro\u00dfer rechteckiger Bauteil anschlie\u00dfen. In letzterem befinden sich unten die Sakristei und oben ein Raum f\u00fcr Chorproben. Die rund abschlie\u00dfende, dem Mittelschiff vorgestellte Apsis im Osten ist weit vorgezogen und gleich hoch mit diesem. Im oberen Viertel ist dieser Bauteil von einem Gesims in der Waagerechten und in der Senkrechten von S\u00e4ulen unterteilt, die der Mauer vorgestellt sind. Aufgelockert lediglich von einer Reihe kleiner Fenster im oberen Teil, zwei gr\u00f6\u00dferen und zwei kleineren Fenstern darunter, vermittelt auch der Ostteil der Lauterbacher Kirche den Eindruck burgenartiger Wehrhaftigkeit und majest\u00e4tischer Verschlossenheit.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich der Raumeindruck des Kircheninnern. Im Unterschied zu dem eher verspielten Formenrepertoire barocker Kirchen, werden hier geometrisierende Ornamente zu streng wirkender Prachtentfaltung gebracht.<\/p>\n<p>Das \u00e4u\u00dferst breite Mittelschiff wird von einem kassettierten Tonnengew\u00f6lbe \u00fcberspannt. Gurtb\u00f6gen, die in den gleichen Abst\u00e4nden wie die St\u00fctzen der Mittelschiffswand aufeinander folgen, markieren die Jochabfolge an der Decke. Sie wirken aber eher aufgesetzt, da die Jochbildung zusammen mit den St\u00fctzen nicht gelingt. Auch steht die Breite des Mittelschiffs in keinem Verh\u00e4ltnis zu den Abmessungen der Seitenschiffe. Jedenfalls vermisst man hier die Anwendung des in der Romanik stets eingehaltenen gebundenen Systems, wonach das Vierungsjoch Grundma\u00df f\u00fcr alle \u00fcbrigen Raumteile ist, so dass die Seitenschiffsjoche halb so gro\u00df sind wie diejenigen des Mittelschiffs. Gleicherma\u00dfen willk\u00fcrlich ist der St\u00fctzenwechsel. W\u00e4hrend die Variation in der Romanik nach dem Schema a b a oder a b b a erfolgte, also einer strengen Regelhaftigkeit unterworfen war, fehlt hier die Systematik. Die Pfeiler zwischen Mittel- und Seitenschiff sind mal kannelliert, dann wieder mit Rundst\u00e4ben in den Ecken versehen. Sie besitzen entweder Scheibenfriese oder sind mit Zickzackfriesen ornamentiert. Die Kapitelle dieser Pfeiler weisen Akanthusblattmotive auf, ihre Deckplatten sind in Form steigender Karniese gestaltet. Die Arkadenzone trennt ein Gesims mit Konsolen in Kopfform von dem Tonnengew\u00f6lbe. Dieses Gesims setzt sich durch den ganzen Raum fort. Tief herabgezogene Bogenstellungen schneiden von oben in das Querschiff. Die Seitenfenster im Ostchor sind innen durch S\u00e4ulen unterteilt, die wiederum durch Rundbogen miteinander verbunden sind. Rundbogenfenster belichten die Seitenschiffe und wegen der hochgezogenen Arkaden auch das Mittelschiff. Zudem sind ovale Fenster in durchgehender Reihe seitlich in das Tonnengew\u00f6lbe eingelassen. Der Westchor ist als eine Nebenkapelle zugleich Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Gefallenen der beiden Weltkriege. Im Westteil der Kirche erhebt sich auch die Empore mit dem im Jahr 1931 erbauten schlichten Orgelprospekt.<\/p>\n<p>Zu dem Inventar der Kirche geh\u00f6ren ehedem ein Hochaltar mit Kreuzigungsgruppe sowie eine hochgestellte Kanzel. Letztere wurde inzwischen beseitigt, und der Hochaltar durch eine einfache Mensa mit romanischen Ornamenten ersetzt. Barockisierende Seitenalt\u00e4re befinden sich sowohl auf der Evangelien- wie auf der Epistelseite. In den Seitenschiffen stehen Beichtst\u00fchle, die, f\u00fcr uns nicht mehr ganz verst\u00e4ndlich, aber in damals durchaus \u00fcblicher Weise, unvermittelt in gotischem Stil erscheinen. Ein Taufstein, romanischen Formen angepasst, steht auf der Evangelienseite. Noch zu erw\u00e4hnen ist das vor kurzem freigelegte und restaurierte Wandgem\u00e4lde an der Chorr\u00fcckwand, Gottvater, zwei Engel und die vier Evangelisten darstellend, sowie Wandbilder der Kreuzwegstationen im Querschiff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das von der Gr\u00f6\u00dfe wie auch von seiner ornamentalen Ausstattung her imposante Bauwerk ist neuromanischen Stils, d.h. die Bauformen wurden denen mittelalterlicher Sakralbauten aus der Zeit der Romantik (ca. 1000 &#8211; 1250) entliehen. 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